Detox II

Sonntagmorgen, 6.10h. Seit 4.00h bin ich wach, um 5.00h aufgestanden. Ein Käsebrot und den doppelwandigen Glasbecher mit Kaffee nehme ich mit an den PC. Alec auf seinem Hundebett fragt sich, was um Himmels willen ich in dieser Herrgottsfrühe schon hier unten zu suchen habe, lässt sich von mir kraulen, und schnarcht weiter.

Es geht mir so gut wie lange nicht. Seit über einem Monat nicht mehr gezockt, keinerlei Nachrichten gelesen. Ich habe auf einmal unfassbar viel Zeit zur Verfügung und meine Gedanken kreisen nicht permanent um Tod und Vernichtung. Ich bekomme wieder regelmäßig ausreichend Schlaf. In der letzten Woche habe ich es morgens vor der Arbeit dreimal ins Fitnessstudio geschafft.

Anfangs, unmittelbar nach der Rückkehr aus dem Urlaub, war da manchmal ein Gefühl von Unruhe, von Leere. Das waren die Momente, in denen ich bislang den Rechner hochfuhr und mich in meine virtuelle Welt einloggte. Oder mich durch die Galerie der Horrorszenarien von tagesschau.de, SPIEGEL online und Youtube fräste.

Mir wurde klar, wie viel Arbeit, die permanent in Haus und Garten zu tun ist, meine Frau erledigt hatte, während ich stundenlang softwaregenerierte Zombies killte. Von diesem Moment an brauchte ich keine „Liste gegen die Langeweile“ mehr; es ist immer genug zu tun: Rasenmähen, Einkauf, Altglas entsorgen, mit dem Hund gehen, Wäsche waschen … Und es bleibt immer noch genug Zeit für Mußemomente, in denen ich die Fotos vom letzten Urlaub anschauen, ein Buch lesen oder mit einem Bier auf der Terrasse sitzen kann.

Die Aufgabe ist jetzt, dieses Gefühl und diese Lebenshaltung zu stabilisieren und auszubauen. Und in Krisen, die kommen werden, nicht in das alte Muster zurückzufallen.

Ich bin ein Junkie. Ich werde immer wachsam sein müssen.

Detox

Zwei Wochen nach der Rückkehr aus dem Urlaub habe ich – unter anderem – mein SPIEGEL online Abo gekündigt. Kurz darauf bekam ich vom Leserservice die übliche Mail, mit der um ein Feedback gebeten wurde. Ob man etwas anders machen solle usw.

Nun bin ich zwar überzeugt, dass die Vorstellung, irgendetwas verbessern zu können, indem man irgendetwas anders macht, ein recht sentimentaler Romantizismus ist, aber ich hatte noch ein paar Minuten Mittagspause übrig und nichts Süßes mehr in der Schublade. Da konnte ich mir die Zeit auch mit etwas Tastaturgymnastik vertreiben …

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mir nach der Kündigung meines SPIEGEL.PLUS-Abonnements geschrieben:

„Lassen Sie uns wissen, was wir anders machen sollen: Wir freuen uns auf Ihr Feedback an redaktion.plus@spiegel.de.“

Dann also los:

Sie haben alles richtig gemacht. Ihre Beiträge im Magazin und auf SPIEGEL ONLINE stellen für mich hochwertigen Qualitätsjournalismus dar. Für Ihrer aller Arbeit, die in diesen Artikeln steckt, möchte ich an dieser Stelle Danke sagen!

Meine Kündigung ist auf eine für mich beeindruckende, wenn auch eigentlich wenig überraschende Erfahrung der letzten Wochen zurückzuführen: Während eines zweiwöchigen Urlaubs auf unserer Lieblingsinsel Fuerteventura habe ich keinerlei Nachrichten mehr gelesen oder angeschaut, mich von allen Social Media Plattformen ferngehalten, keine Computerspiele mehr gespielt. Das ist jetzt knapp vier Wochen her. Ich bin wieder im Job, aber alles andere habe ich beibehalten. Es geht mir damit so gut wie schon seit Jahren nicht mehr, auch wenn ich mich manchmal mit hochgezogenen Augenbrauen konfrontiert sehe, wenn Kolleg*innen ein aktuelles Thema ansprechen und ich die Schultern zucke und sage: „Keine Ahnung.“

Man kann das als Vogel-Strauß-Politik oder Ignoranz bezeichnen. Aber das träfe es m.E. nicht. Ich will mir die Welt und das Leben nicht weichzeichnen. (Das wäre als Chef einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe mit 100 Hardcore-Fällen auch ein zum sofortigen Scheitern verurteiltes Unterfangen …) Ich bin seit meinen jungen Jahren (ich bin jetzt 63) davon überzeugt, dass der Mensch eine Bestie ist, deren größtes Vergnügen darin besteht, seinesgleichen zu überfallen, zu foltern, zu vergewaltigen und umzubringen. Für diese banale Erkenntnis braucht es nur einen Blick in den dtv-Atlas der Weltgeschichte. Und diese Erkenntnis wurde und wird täglich durch mehr oder weniger großflächige kriegerische Auseinandersetzungen bestätigt, die ununterbrochen auf diesem Planeten toben – vom erbitterten Kampf, den Wohnungs- oder Hausnachbarn gegeneinander führen, bis hin zum Ukrainekrieg, der (zumindest verbal) immer wieder bedrohlich nah an der Grenze zur atomaren Auseinandersetzung geführt wird.

Mit anderen Worten: Die Menschheit (das tut mir nicht Leid) und dieser Planet (das schmerzt mich) sind zum Untergang verurteilt, da ist nichts mehr und war nie etwas zu machen. Just an epic fail. Aber ich muss das – und damit zurück zum Anlass dieser Mail – nicht unbedingt täglich tiefeninhalieren.  Und wenn Sie jetzt argwöhnen, dass das doch vielleicht etwas langweilig sein könnte, kann ich sagen: Nein – es bleibt noch genug Wahnsinn übrig …

In diesem Sinne grüßt Sie ganz herzlich

M.H.

Was heute schön war

Der Morgenkaffee in meinem muckelig warmen Büro.

Die Stimme meiner Frau am Telefon zu hören, als ich vormittags mit dem Dienstwagen in der Stadt unterwegs war.

Der frische Salat zum Mittagessen: aus Rucola, jungem Spinat, Feldsalat und geriebenen Möhren, mit meinem Dressing nach Art des Hauses und Fetastückchen in Chiliöl.

Der pfirsichfarbene, wolkenlose Himmel kurz nach Sonnenuntergang, als ich in der Küche beim Abendbrot saß.

Unseren Labrador Alec nach seiner Abendmahlzeit ausgiebig zu kraulen, als er sich auf dem roten Teppich neben meinem Sessel ausstreckte.

Festzustellen, dass mir meine Fotos in meiner Insta-Galerie immer noch und immer wieder gefallen.

Dass es Abende gibt, an denen es mir gelingt, das eine oder andere Licht zu sehen.

Spagat

„Tagesschau“:

Erste Hälfte: Das Erdbeben in der Türkei und Syrien. Geschildert werden die Anstrengungen, die unternommen werden, um schweres Gerät (Bagger, Kräne) ins Katastrophengebiet zu bringen, damit möglichst viele Menschen gerettet werden können.

Zweite Hälfte: Der Ukraine-Krieg. Geschildert werden die Anstrengungen, die unternommen werden, um schweres Gerät (Panzer, Geschütze) ins Kriegsgebiet zu bringen, damit möglichst viele Menschen getötet werden können.

Anschließend ein „Brennpunkt“ zum Erdbeben, und unmittelbar danach DFB-Pokal: Frankfurt gegen Darmstadt. Schweini kommentiert.

Als ich vor vielen Jahren Pynchons „Die Enden der Parabel“ las, dachte ich: Der Junge ist durch.

Heute gehören das Dissoziative, die galoppierende Depersonalisation, das Zerfallen von tragenden Strukturen in dysfunktionale Fragmente zum Alltagsbild. Wenn man Irre sehen will, genügen zehn Minuten in der Warteschlange vor einer Discounterkasse: Die fiktive Welt von Gravity’s Rainbow ist zu unserer Lebenswirklichkeit geworden.

Was ist das, dieser Scheitelpunkt, an dem sich die Enden der Parabel treffen – das Katastrophengebiet und das Kriegsgebiet? Treffen sie sich ÜBERHAUPT?

Dann wäre es am Ende keine Parabel, sondern einfach zwei Punkte, projiziert auf die Ebene „Mensch“ von einer numinosen Laterna Magica, beliebig, sinnfrei, geschmacksneutral.

Jetzt, in der 69ten Spielminute, führt Frankfurt mit 3:2.

Mehr ist vielleicht einfach nicht zu sagen.

Fail

Seit Monaten nichts mehr gepostet. Seit Monaten kaum ein Foto gemacht. Seit Monaten im Autopilot-Modus.

Diese Ukraine-Nummer hat mich komplett ausgeknockt.


Nicht, dass ich die Hoffnung gehabt hätte, das „Experiment Homo sapiens“ könnte doch noch zu einem guten Ende kommen. Seit dem Ende meiner Teenagerjahre ist für mich klar, dass es mit der Menschheit und diesem Planeten den Bach runtergehen wird. Und seit Beginn dieses Jahrtausends ist auch klar, dass das keine Frage von Jahrhunderten mehr ist. Aber sich dann live mitten in einer fratzenhaft aufpoppenden Dystopie wiederzufinden ist eben doch was anderes, als sich gemütlich im Sessel von „The Walking Dead“ angruseln zu lassen.

Erst Corona, dann die Ahrtal-Kastrophe, jetzt dieser irrsinnige Krieg. AKWs und Kohlekraftwerke werden wieder hochgefahren, die Rüstungsindustrie boomt, Fracking ist plötzlich wieder salonfähig und die irren Normalos an der Kasse im Supermarkt sind von den Irren, die dort hausen, wo ich arbeite, kaum noch zu unterscheiden.


Sorry, geht mir einfach etwas zu schnell mit dem Weltuntergang. Bin ja nicht mehr der Jüngste.


Und ja, natürlich muss man auf einen Angriffskrieg entschieden antworten. Mit Waffen, nicht mit Flowerpower. Das Problem ist, dass dieser Krieg tatsächlich nur der Nebenschauplatz ist, so sehr er die Medien auch dominiert. Die eigentlichen Schauplätze heißen: Erderwärmung, Überbevölkerung, Wassermangel, Gift in Erde, Wasser und Luft, Flüchtlingsströme.

Aber das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit.


Der wirkliche Schauplatz, der alle anderen erst ermöglicht und erschafft, ist unser Kopf. Das Ego, von dem wir uns treiben und hetzen und jagen lassen, bis diese Killer-Spezies endlich final kollabiert.


Nichts Neues, wie gesagt. Just an epic fail.

Grenzsteine

Klimakollaps, Artensterben, Wassermangel. Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Milliardäre jetten ins All.

Jetzt dieser Krieg in der Ukraine. Er ist nicht mehr und nicht weniger irrsinnig, als alle anderen Kriege vorher. Nur näher, für uns.

Ach ja, und Corona gibt’s ja auch noch. Man könnte meinen, die Krise wolle gar nicht mehr enden.

Will sie auch nicht. Wollte sie noch nie.

Nach positiven Tests bin ich seit drei Tagen in Absonderung – wo ich mich ohnehin zeitlebens am liebsten aufgehalten habe.

Zeit, mal wieder die Grenzsteine meiner misanthropischen Weltsicht abzuschreiten. Und etwas Aufbauendes zu lesen: Metro 2033, immer wieder umwerfend. Für mich die Divina Commedia der Neuzeit: Ein paar zehntausend Exemplare der Gattung Homo sapiens haben einen globalen Atomkrieg überlebt, weil sie sich in die gigantischen Katakomben der Moskauer Metro flüchten konnten.

Was machen sie dort? – Herrschaftssysteme errichten, Kriege führen, einander verfolgen, verstümmeln und umbringen. Das übliche Freizeitvergnügen unserer Gattung halt. Die bekannte Conditio humana.

Die seit 40 Jahren täglich überprüfte Erkenntnis, dass die Krone der Schöpfung diesen wunderschönen Planeten und sich selbst eher früher als später, aber unausweichlich ausradieren wird, mag neben einem ausgeprägten Hang zu ausschweifender Kontemplation der Grund gewesen sein, warum es für mich never ever etwas gab, für das es sich gelohnt hätte, größere Anstrengungen zu unternehmen. Humanistische Ideale? Karriere? Ein Haus bauen? – Aber ich bitte Sie …

Das Nötige, was gerade zu tun ist, möglichst effizient und unaufgeregt tun. Ansonsten schwarzen Tee trinken, aus dem Fenster in den Himmel schauen, und sorgfältig die Menetekel der äußeren Apokalypse im inneren Universum kartographieren.

Es gibt ambitioniertere Lebensentwürfe. Dieser ist unspektakulär, wenig erfüllend, aber unter den gegebenen Umständen machte mehr für mich keinen Sinn.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Sache mit der Wiedergeburt ein Aprilscherz irgendwelcher bekiffter Himalaya-Yogis war.

Samsara

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Ich wurde auserwählt, ich arbeite in einer Wellnessoase.


An manchen Tagen ziehen die Wohlgerüche der Aufgüsse, melodischer Gesang und Schalmeienklänge bis zu mir in mein Büro. Draußen vor dem Fenster genießen unsere Gäste Kaffee, kleine Snacks und den Sonnenschein. Goldenes Herbstlaub auf dem Flachdach unseres kleinen Fitnessstudios gegenüber.


Ich schaue meinen kleinen Buddha an und frage ihn: Womit haben wir das verdient?


Natürlich antwortet er nie. Buddhas haben die schnöde Sphäre der Worte weit hinter sich gelassen.


Er thront einfach dort im Licht, in Stille und Frieden, und gibt mir so zu verstehen, dass er das nicht anders täte, auch wenn er nicht hier auf der Insel der Seligen, sondern in einer Notunterkunft säße, mitten in dem sich unermüdlich weiter drehenden Rad aus Geschrei, Elend und Tod.

Ohne Worte. Ohne Schweigen.


Es ist wohl an der Zeit, mir einen Tee zu machen.

Underground

Bin verdammt spät dran. Ich hasse Zeitdruck auf dem Weg zur Arbeit, und ich hasse es, zu spät zu kommen. Aber meine Friseurin kann nicht nur texten ohne Punkt und Komma, sie kann auch 1A-Herrenhaarschnitt. So jemanden muss man sich warmhalten. Außerdem ist sie meine Vermieterin. Das ist in Köln in Zeiten von Wohnungsknappheit und Mietenwahnsinn als hätte man den Papst zum Paten. Da höre ich mir auch ne halbe Stunde die Krankengeschichte ihrer Mutter (95) an. Ächz.

Ich hetze also die Hauptstraße runter. Bis zur U-Bahn sind es von der Haustür 572 Meter, wie Google mir jüngst verraten hat. Nach hundert Metern registriert mein Unterbewusstsein den fehlenden Druck in der Gesäßtasche: mein Portemonnaie mit dem Jobticket liegt noch im Friseursalon. Grrrrr ….  Wenn ich längere Zeit ungeschützt logorrhoischen Mitmenschen ausgesetzt bin, kommt es zu partiellen Bewusstseinstrübungen. Also U-Turn und zurück mein Kleinod einsammeln. Stumpf und mitleidlos liegt es neben der Kasse auf dem Tischkalender. Der zeigt den 16. November an. Da ist vor vier Jahren mein Vater gestorben. Im Krankenhaus, allein. Muss ich heute Abend Mama anrufen. Jetzt aber schnell raus hier und zur Bahn.

Nun werde ich es definitiv nicht mehr schaffen. Scheiße.

Es sei denn …

Es sei denn, ich liege richtig mit meiner Vermutung, dass die gammelige Treppe auf dem Gelände der verrottenden Zementfabrik der vormalige Zugang zur U-Bahn ist. Bevor sie weiter hinten das Einkaufszentrum hingesetzt haben. Wenn ich den nehme, könnte ich gut zwei Drittel abkürzen. Man kann da runter und auch rein, das habe ich bei einer meiner lokalen Fotosafaris gecheckt, aber damals hatte ich keine Zeit, tiefer einzusteigen. Falls weiter drin im Gang mal Gitter oder Stahltüren waren, haben irgendwelche Penner die mit Sicherheit längst geknackt – auch im Obdachlosensegment sind gute Schlafplätze rar.

Also los. No risk, no fun.

__________________________________

Die Treppenstufen im unteren Bereich sind deutlich vermooster als vor einem Jahr, ich muss aufpassen, dass ich mir nicht die Gräten breche. Aber das Geländer ist noch heile. Und das weiße Einhorn, das jemand oben auf den Sockel gesprayt hat, nehme ich mal als gutes Omen. Ich mag Einhörner, auch wenn die keine Männer mögen und nur Jungfrauen an sich ranlassen. Aber ich bin ein Virgo-Mann. Das könnte mir Absolution verschaffen.

Im Gang mache ich die Handytaschenlampe an. Natürlich liegt hier jede Menge Müll rum, aber nur auf den ersten fünfzehn Metern bis zu einem massiven Stahlgitter. Das haben sie wohl aus Fort Knox importiert. Aber es ist – dachte ich mir’s doch  – sauber aufgeflext worden und steht weit offen. Die Stadtwerke haben sich hier vermutlich seit zehn Jahren nicht mehr blicken lassen. Hinter dem Gitter ist es sauber, als wollte sich jemand bei Schöner Wohnen bewerben – keine Flaschen und keine Glassplitter, kein Herbstlaub, keine durchgesifften Matratzen. Nirgends. Und es stinkt auch nicht nach Pisse und anderen Körperausscheidungen, wie sonst an solchen Orten. Dafür riecht es intensiv nach BLUMEN. Krass.

Aber ich bin nicht hier, um Höhlenforschung zu betreiben. Ich muss zur Arbeit. Ich bin ungefähr 50 Meter weit gekommen, als der Gang im rechten Winkel nach links abknickt. Wenn mein Orientierungssinn mich nicht täuscht, muss das auch so sein, wenn er zum U-Bahnhof an der Post führen soll. Gleich nach dem Knick gehts eine weitere Treppe runter, und dann immer geradeaus. Dawai, dawai!

Ich denke: In einem Krimi würde ich jetzt über irgendwas stolpern, hinfallen, und mein Handy schrotten. Und säße im Dunkel. Und dann würde ich von irgendwo ein schauriges Heulen hören. Oder wie jemand seine Kettensäge anwirft. Hier ist es andersrum: Da vorne wird es heller. Hä? Das ist echt strange, weil es zum Bahnhof noch mindestens hundert Meter sein müssen. Vielleicht ne Pennerparty? Oder die Stadtwerke haben vor zehn Jahren das Licht brennen lassen. Wenn’s ne Party ist, liegen jedenfalls schon alle im Oettinger-Koma, denn es ist mucksmäuschenstill.

Der Gang beschreibt da vorne einen langgezogenen Bogen und fällt noch weiter ab. Dem Licht entgegen, das von feuchten Fliesenwänden reflektiert wird.

Ich sagte ja schon: Ungebremster Redeschwall meines Gegenübers führt bei mir zu seltsamen Vorgängen im präfrontalen Cortex, auch das Kleinhirn scheint dann übelst affektiert zu sein. So bin ich nur mäßig überrascht, als ich in einer Nische des Ganges auf einem Stoß Europaletten ein waschechtes Einhorn sitzen sehe, das im Licht einer Werkstattlampe gelangweilt in der Wochenendausgabe des Stadtanzeigers blättert. Hier also haben sich die Biester versteckt. Während Scharen von Esoterikern sie im versunkenen Atlantis oder in entlegenen Höhlen des Himalaya wähnen, chillen sie völlig ungerührt in den Katakomben der Kölner U-Bahn und lösen Sudokus. Clever.

Als ich nähertrete, senkt das Einhorn den Kopf, und ich erkenne den Zweck seines Hierseins. Das mindestens zweimeterfünfzig lange, spiralförmig in sich verdrehte und mit den FC-Farben (immer schön abwechselnd: rut-wieß) verzierte Horn senkt sich langsam herab, bis die Spitze auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges auf drei übereinander gestapelten Kölschkästen zu liegen kommt – der perfekte Schlagbaum zur Schwarzfahrerabwehr, extrem ressourcenschonend: Einhörner brauchen keinen Strom, sind wartungsfrei, und ihr ökologischer Hufabdruck dürfte kleiner sein als der einer südchinesischen Wanderameise. Hat sich die KVB mal was gedacht.

„Wo willste’n hin?“

Das Einhorn klingt wie die deutsche Synchronstimme von Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, weswegen ich es vorziehe, dem Fabelwesen umgehend höflich und wahrheitsgemäß zu antworten. Außerdem kann es mit hoher Wahrscheinlichkeit Gedanken lesen, wie ein Schnellscan meiner Einhornkenntnisse ergibt.

„Zur Arbeit. Ich bin heute allein im Spätdienst. Und meine Friseurin -“

„Schon gut. Die Dame ist bekannt. Hat mir letzte Woche den Schweif frisch eingefärbt. Ich könnte jetzt ein Handbuch des Kölner Krankenhauswesens schreiben. – Zur Bahn kommste da vorne rechts.“

Das Einhorn hebt den Kopf und weist mit dem rotweißgestreiften Schlagbaumhorn den Gang hinunter. Der Blumenduft ist hier extrem, und er entströmt unzweifelhaft dem Wesen mit dem silberglänzenden Fell vor mir. Rosen und Veilchen, würde ich tippen.

„Rosen und Hyazinthen. Aber warst nah dran. Und besorg dir mal ein neues Jobticket. Das in deinem Portemonnaie ist abgelaufen.“

Wusste ich’s doch. Die haben den mentalen Röntgenblick. Mich fröstelt.

„Mach voran“, sagt Schlagbaum-Bronson, „dein Zug steht schon am Gleis. Man wartet auf dich …“

Ob Einhorn (m/w/d?) damit den Zug oder meine Arbeitskolleg*innen meint, vermag ich in der Eile nicht zu ergründen. Ich denke nur: Na, dann schwing die Hufe, Alter!, als der Warnhinweis in  mir aufpoppt, dass diese umgangssprachliche Redewendung in Anwesenheit eines Unpaarhufers möglicherweise political incorrect ist. Ich formuliere also aus dem Stegreif um in: Na, dann mach dich auf die Socken!, und werfe dem Einhorn einen verstohlenen Blick zu.

Es studiert jetzt aufmerksam die Todesanzeigen. Hat es gerade gelächelt???

Egal. Weiter jetzt. Das Zeiterfassungsterminal im Betrieb will mein Blut sehen. Und schon wenige Meter hinter dem sagenumwobenen Controletti kommt der Bahnsteig in Sicht. Da steht sie, die Linie 9, im vollen KVB-Ornat, die Türen offen, und ich stürze rein und lasse mich auf einen Sitz fallen.

Bingo. Läuft doch bestens.

__________________________________

In diesem Wagen bin ich der einzige Fahrgast. Komisch um diese Zeit, aber was soll’s. Vielleicht ein eingeschobener Entlastungszug. Der rumpelt jetzt in den Tunnel, beschleunigt, und ich bin am Ölen wie die Sau.

Das mit dem Einhorn werde ich besser für mich behalten. Erstens mag ich keine Esoteriker, schon gar nicht, wenn sie in Rudeln in der Nähe meiner Heimstatt auftreten; und zweitens habe ich beruflich Erfahrung mit Zeitgenossen, die in der Öffentlichkeit mit ihren hervorragenden Kontakten zu Aliens oder verblichenen Imamen prahlen. Und infolgedessen ein Dauerabo für die Klapse haben – muss ich mir nicht geben.

Der Zug fährt in den nächsten Bahnhof ein, aber statt der Durchsage mit dem Stationsnamen höre ich eine andere Stimme.

„Hast du damals gemerkt, wie sehr ich mich gefreut habe, wenn du mich da besucht hast? Jedes Mal.“

Ich höre diese Stimme, und alles wird plötzlich sehr langsam. Der Zug ist zum Stehen gekommen. Die Plakatwand am Bahnsteig gegenüber wird großformatig von einem Foto ausgefüllt, das ich gut kenne – es steht auf meinem Schreibtisch: Ich, im Alter von zehn Jahren, und neben mir mein Vater in seiner weißen Kochjacke, ein kleingemustertes, schwarzweißes Küchenhandtuch in den Hosenbund gesteckt. Wir stehen draußen, vor der Tür zur Großküche, in der er Chef ist, und ich habe eine Pudelmütze auf, denn es ist Winter und arschkalt. Es ist seine Stimme, die da aus den Zuglautsprechern spricht (kommt sie wirklich aus den Lautsprechern?), und sie klingt so wie damals, als er 33 war und ich 10: Kräftig, klar, souverän. Meinen Papa konnte ich alles fragen. Er wusste, wie Radios funktionieren, wo der Chinook bläst, und warum man in den Docks an der Lower Eastside besser nur in einer Gruppe unterwegs ist  – denn er war dort gewesen, als Schiffskoch auf der „MS Rotterdam“.

„Ich habe immer gedacht, dass ich dich störe, wenn ich da aufkreuzte“, höre ich mich seine Frage beantworten. „Aber ich liebe dieses Foto. Weil es … sehr viel sagt über uns …“

 Das Bild auf der Plakatwand verblasst. Ein anderes erscheint. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne taucht dort ein rotes Schlauchboot auf, und ich sehe meinen Vater ins Wasser springen, der mit mir um die Wette schwimmt. Gegenseitig spritzen wir uns das Wasser ins Gesicht. Was hatten wir Spaß!

Viele solcher Bilder erscheinen und verschwinden wieder: Wir beide beim Frisbeespielen in der Abenddämmerung, beim Kicken mit den Jungs aus der Siedlung, auf einer Radtour um die Talsperre. Und immer wieder sehe ich ihn am Herd bei dem, was er am liebsten tat: für uns kochen.

Während der letzten Minuten ist das Licht im Zug immer schwächer geworden. Ich bin auch nicht mehr allein. Weiter vorne, mit dem Rücken zu mir, sitzt ein alter Mann mit weißgrauem Haar, mit seinem Einkaufstrolley neben sich.

Auf dem Bahnsteig erlischt die Beleuchtung, und nur die Plakatwand hebt sich noch als milchiges Nebelrechteck von dem Dunkel ringsum ab. Im Zug ist es rabenschwarz.

„Du musst jetzt aussteigen, Junge. Für dich geht’s hier nicht weiter.“

Durch das Schwarz versuche ich, mich dorthin zu tasten, wo die Tür sein muss. Ohne dass ich etwas sehen kann, weiß ich: Auch der alte Mann ist aufgestanden. Im Dunkel stehen wir uns gegenüber. Und ich kann das tun, was vor vier Jahren nicht möglich war: Ihn lange, lange in den Arm nehmen, bevor ich aussteige, und der Zug mit ihm in den Tunnel einfährt.

__________________________________

Höhere Intelligenz

Es ist wieder Montag, und als es auf 11.00h zugeht, ist von irgendwo tief drinnen schon so viel Grau in meinen Tag gesickert, dass er auf die Schultern drückt wie ein nasser Zementsack.


Und das, obwohl ich ausgeschlafen bin, die Sonne scheint, und eine SMS mir sagt, dass ich sagenhafte zehn Euro im Lotto gewonnen habe. Mich beschleicht ein übler Verdacht: Vermutlich bin ich längst tot und nur sitzengeblieben, als es hieß: „Dieser Zug endet hier.“


Als ich wenig später ein paar Einkäufe erledige und auf die Ausfahrt vom Baumarkt zurolle, leuchtet am Rand meines Gesichtsfeldes etwas auf: Ein kleiner roter Fleck, weit hinten in einer Ecke des Parkplatzes, wo die Zufahrt zur Anlieferung versteckt ist und kaum Kundenfahrzeuge stehen. Ich schlage scharf nach rechts ein und biege auf diesen verwaisten Teil der Parkfläche ab.


Dort, zwischen ausrangierten Paletten, Bauschutt und löcherigen Abdeckplanen, steht vor einem hellen Trapezblechzaun ein roter Einkaufswagen in der Sonne, als wäre ihm der ganze Trubel zu doll geworden und er hätte sich ein ruhiges Plätzchen gesucht.


Ein Mann dreht eine Gassirunde mit seinem kleinen weißbraunen Hund. Weiter hinten fährt ein Müllwagen vorbei. Drüber ein blauer Himmel mit wenigen weißen Wolken.


Für ein paar Minuten darf ich teilhaben an der Schönheit und Stille dieses Ortes. Danach ist das Grau verschwunden.


Wesen höherer Intelligenz habe ich mir immer anders vorgestellt. Wie E.T. oder so. Mir war nicht klar, dass sie uns auch in Gestalt von roten Einkaufswagen besuchen.

Kaffeefahrten

Ich liebe minimalistische Formate: Haikus, Chopins Nocturnes, und Kurzgeschichten, die mit wenigen Seiten auskommen. Weniger ist meist so viel mehr. Klare, präzise Aussagen taugen fürs Business, aber wohlformulierte, ausbalancierte Andeutungen ziehen wie ein Raunen durchs Unterbewusstsein und bringen die Vorhänge zum Schwingen, hinter denen in vielfarbigen Räumen das Unerhörte auf uns wartet.

Auf Instagram finde ich Gleichgesinnte.

Mit den Menschen, die meine minimalistischen Fotos liken, gibt es eine dezente Verbindung, wir sind auf einer oder mehreren Ebenen unseres ästhetischen Empfindens connected, wie man jetzt sagt.

Dann sitze ich an einem Samstagmorgen wie heute in aller Herrgottsfrühe am Rechner, inhaliere den Kaffeeduft aus dem Becher vor mir, und streife durch die Galerien meiner Seelenverwandten.

Manchmal geben das Profil oder einzelne Bildunterschriften eine Ortsangabe preis: Tokyo, Brasil, Tirol, NYC. Dann erscheint das Foto auf einer transparenten Assoziationsfolie, ich tauche ein und streune los.

Menschen gibt es selten auf diesen Fotos, und wenn, dann winzig klein oder anonymisiert irgendwo am Bildrand, weil das Motiv einen Maßstab braucht.

Wirklich wichtig sind sie nicht.

Ich sagte ja: Seelenverwandte.