Bin verdammt spät dran. Ich hasse Zeitdruck auf dem Weg zur Arbeit, und ich hasse es, zu spät zu kommen. Aber meine Friseurin kann nicht nur texten ohne Punkt und Komma, sie kann auch 1A-Herrenhaarschnitt. So jemanden muss man sich warmhalten. Außerdem ist sie meine Vermieterin. Das ist in Köln in Zeiten von Wohnungsknappheit und Mietenwahnsinn als hätte man den Papst zum Paten. Da höre ich mir auch ne halbe Stunde die Krankengeschichte ihrer Mutter (95) an. Ächz.
Ich hetze also die Hauptstraße runter. Bis zur U-Bahn sind es von der Haustür 572 Meter, wie Google mir jüngst verraten hat. Nach hundert Metern registriert mein Unterbewusstsein den fehlenden Druck in der Gesäßtasche: mein Portemonnaie mit dem Jobticket liegt noch im Friseursalon. Grrrrr …. Wenn ich längere Zeit ungeschützt logorrhoischen Mitmenschen ausgesetzt bin, kommt es zu partiellen Bewusstseinstrübungen. Also U-Turn und zurück mein Kleinod einsammeln. Stumpf und mitleidlos liegt es neben der Kasse auf dem Tischkalender. Der zeigt den 16. November an. Da ist vor vier Jahren mein Vater gestorben. Im Krankenhaus, allein. Muss ich heute Abend Mama anrufen. Jetzt aber schnell raus hier und zur Bahn.
Nun werde ich es definitiv nicht mehr schaffen. Scheiße.
Es sei denn …
Es sei denn, ich liege richtig mit meiner Vermutung, dass die gammelige Treppe auf dem Gelände der verrottenden Zementfabrik der vormalige Zugang zur U-Bahn ist. Bevor sie weiter hinten das Einkaufszentrum hingesetzt haben. Wenn ich den nehme, könnte ich gut zwei Drittel abkürzen. Man kann da runter und auch rein, das habe ich bei einer meiner lokalen Fotosafaris gecheckt, aber damals hatte ich keine Zeit, tiefer einzusteigen. Falls weiter drin im Gang mal Gitter oder Stahltüren waren, haben irgendwelche Penner die mit Sicherheit längst geknackt – auch im Obdachlosensegment sind gute Schlafplätze rar.
Also los. No risk, no fun.
__________________________________
Die Treppenstufen im unteren Bereich sind deutlich vermooster als vor einem Jahr, ich muss aufpassen, dass ich mir nicht die Gräten breche. Aber das Geländer ist noch heile. Und das weiße Einhorn, das jemand oben auf den Sockel gesprayt hat, nehme ich mal als gutes Omen. Ich mag Einhörner, auch wenn die keine Männer mögen und nur Jungfrauen an sich ranlassen. Aber ich bin ein Virgo-Mann. Das könnte mir Absolution verschaffen.
Im Gang mache ich die Handytaschenlampe an. Natürlich liegt hier jede Menge Müll rum, aber nur auf den ersten fünfzehn Metern bis zu einem massiven Stahlgitter. Das haben sie wohl aus Fort Knox importiert. Aber es ist – dachte ich mir’s doch – sauber aufgeflext worden und steht weit offen. Die Stadtwerke haben sich hier vermutlich seit zehn Jahren nicht mehr blicken lassen. Hinter dem Gitter ist es sauber, als wollte sich jemand bei Schöner Wohnen bewerben – keine Flaschen und keine Glassplitter, kein Herbstlaub, keine durchgesifften Matratzen. Nirgends. Und es stinkt auch nicht nach Pisse und anderen Körperausscheidungen, wie sonst an solchen Orten. Dafür riecht es intensiv nach BLUMEN. Krass.
Aber ich bin nicht hier, um Höhlenforschung zu betreiben. Ich muss zur Arbeit. Ich bin ungefähr 50 Meter weit gekommen, als der Gang im rechten Winkel nach links abknickt. Wenn mein Orientierungssinn mich nicht täuscht, muss das auch so sein, wenn er zum U-Bahnhof an der Post führen soll. Gleich nach dem Knick gehts eine weitere Treppe runter, und dann immer geradeaus. Dawai, dawai!
Ich denke: In einem Krimi würde ich jetzt über irgendwas stolpern, hinfallen, und mein Handy schrotten. Und säße im Dunkel. Und dann würde ich von irgendwo ein schauriges Heulen hören. Oder wie jemand seine Kettensäge anwirft. Hier ist es andersrum: Da vorne wird es heller. Hä? Das ist echt strange, weil es zum Bahnhof noch mindestens hundert Meter sein müssen. Vielleicht ne Pennerparty? Oder die Stadtwerke haben vor zehn Jahren das Licht brennen lassen. Wenn’s ne Party ist, liegen jedenfalls schon alle im Oettinger-Koma, denn es ist mucksmäuschenstill.
Der Gang beschreibt da vorne einen langgezogenen Bogen und fällt noch weiter ab. Dem Licht entgegen, das von feuchten Fliesenwänden reflektiert wird.
Ich sagte ja schon: Ungebremster Redeschwall meines Gegenübers führt bei mir zu seltsamen Vorgängen im präfrontalen Cortex, auch das Kleinhirn scheint dann übelst affektiert zu sein. So bin ich nur mäßig überrascht, als ich in einer Nische des Ganges auf einem Stoß Europaletten ein waschechtes Einhorn sitzen sehe, das im Licht einer Werkstattlampe gelangweilt in der Wochenendausgabe des Stadtanzeigers blättert. Hier also haben sich die Biester versteckt. Während Scharen von Esoterikern sie im versunkenen Atlantis oder in entlegenen Höhlen des Himalaya wähnen, chillen sie völlig ungerührt in den Katakomben der Kölner U-Bahn und lösen Sudokus. Clever.
Als ich nähertrete, senkt das Einhorn den Kopf, und ich erkenne den Zweck seines Hierseins. Das mindestens zweimeterfünfzig lange, spiralförmig in sich verdrehte und mit den FC-Farben (immer schön abwechselnd: rut-wieß) verzierte Horn senkt sich langsam herab, bis die Spitze auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges auf drei übereinander gestapelten Kölschkästen zu liegen kommt – der perfekte Schlagbaum zur Schwarzfahrerabwehr, extrem ressourcenschonend: Einhörner brauchen keinen Strom, sind wartungsfrei, und ihr ökologischer Hufabdruck dürfte kleiner sein als der einer südchinesischen Wanderameise. Hat sich die KVB mal was gedacht.
„Wo willste’n hin?“
Das Einhorn klingt wie die deutsche Synchronstimme von Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, weswegen ich es vorziehe, dem Fabelwesen umgehend höflich und wahrheitsgemäß zu antworten. Außerdem kann es mit hoher Wahrscheinlichkeit Gedanken lesen, wie ein Schnellscan meiner Einhornkenntnisse ergibt.
„Zur Arbeit. Ich bin heute allein im Spätdienst. Und meine Friseurin -“
„Schon gut. Die Dame ist bekannt. Hat mir letzte Woche den Schweif frisch eingefärbt. Ich könnte jetzt ein Handbuch des Kölner Krankenhauswesens schreiben. – Zur Bahn kommste da vorne rechts.“
Das Einhorn hebt den Kopf und weist mit dem rotweißgestreiften Schlagbaumhorn den Gang hinunter. Der Blumenduft ist hier extrem, und er entströmt unzweifelhaft dem Wesen mit dem silberglänzenden Fell vor mir. Rosen und Veilchen, würde ich tippen.
„Rosen und Hyazinthen. Aber warst nah dran. Und besorg dir mal ein neues Jobticket. Das in deinem Portemonnaie ist abgelaufen.“
Wusste ich’s doch. Die haben den mentalen Röntgenblick. Mich fröstelt.
„Mach voran“, sagt Schlagbaum-Bronson, „dein Zug steht schon am Gleis. Man wartet auf dich …“
Ob Einhorn (m/w/d?) damit den Zug oder meine Arbeitskolleg*innen meint, vermag ich in der Eile nicht zu ergründen. Ich denke nur: Na, dann schwing die Hufe, Alter!, als der Warnhinweis in mir aufpoppt, dass diese umgangssprachliche Redewendung in Anwesenheit eines Unpaarhufers möglicherweise political incorrect ist. Ich formuliere also aus dem Stegreif um in: Na, dann mach dich auf die Socken!, und werfe dem Einhorn einen verstohlenen Blick zu.
Es studiert jetzt aufmerksam die Todesanzeigen. Hat es gerade gelächelt???
Egal. Weiter jetzt. Das Zeiterfassungsterminal im Betrieb will mein Blut sehen. Und schon wenige Meter hinter dem sagenumwobenen Controletti kommt der Bahnsteig in Sicht. Da steht sie, die Linie 9, im vollen KVB-Ornat, die Türen offen, und ich stürze rein und lasse mich auf einen Sitz fallen.
Bingo. Läuft doch bestens.
__________________________________
In diesem Wagen bin ich der einzige Fahrgast. Komisch um diese Zeit, aber was soll’s. Vielleicht ein eingeschobener Entlastungszug. Der rumpelt jetzt in den Tunnel, beschleunigt, und ich bin am Ölen wie die Sau.
Das mit dem Einhorn werde ich besser für mich behalten. Erstens mag ich keine Esoteriker, schon gar nicht, wenn sie in Rudeln in der Nähe meiner Heimstatt auftreten; und zweitens habe ich beruflich Erfahrung mit Zeitgenossen, die in der Öffentlichkeit mit ihren hervorragenden Kontakten zu Aliens oder verblichenen Imamen prahlen. Und infolgedessen ein Dauerabo für die Klapse haben – muss ich mir nicht geben.
Der Zug fährt in den nächsten Bahnhof ein, aber statt der Durchsage mit dem Stationsnamen höre ich eine andere Stimme.
„Hast du damals gemerkt, wie sehr ich mich gefreut habe, wenn du mich da besucht hast? Jedes Mal.“
Ich höre diese Stimme, und alles wird plötzlich sehr langsam. Der Zug ist zum Stehen gekommen. Die Plakatwand am Bahnsteig gegenüber wird großformatig von einem Foto ausgefüllt, das ich gut kenne – es steht auf meinem Schreibtisch: Ich, im Alter von zehn Jahren, und neben mir mein Vater in seiner weißen Kochjacke, ein kleingemustertes, schwarzweißes Küchenhandtuch in den Hosenbund gesteckt. Wir stehen draußen, vor der Tür zur Großküche, in der er Chef ist, und ich habe eine Pudelmütze auf, denn es ist Winter und arschkalt. Es ist seine Stimme, die da aus den Zuglautsprechern spricht (kommt sie wirklich aus den Lautsprechern?), und sie klingt so wie damals, als er 33 war und ich 10: Kräftig, klar, souverän. Meinen Papa konnte ich alles fragen. Er wusste, wie Radios funktionieren, wo der Chinook bläst, und warum man in den Docks an der Lower Eastside besser nur in einer Gruppe unterwegs ist – denn er war dort gewesen, als Schiffskoch auf der „MS Rotterdam“.
„Ich habe immer gedacht, dass ich dich störe, wenn ich da aufkreuzte“, höre ich mich seine Frage beantworten. „Aber ich liebe dieses Foto. Weil es … sehr viel sagt über uns …“
Das Bild auf der Plakatwand verblasst. Ein anderes erscheint. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne taucht dort ein rotes Schlauchboot auf, und ich sehe meinen Vater ins Wasser springen, der mit mir um die Wette schwimmt. Gegenseitig spritzen wir uns das Wasser ins Gesicht. Was hatten wir Spaß!
Viele solcher Bilder erscheinen und verschwinden wieder: Wir beide beim Frisbeespielen in der Abenddämmerung, beim Kicken mit den Jungs aus der Siedlung, auf einer Radtour um die Talsperre. Und immer wieder sehe ich ihn am Herd bei dem, was er am liebsten tat: für uns kochen.
Während der letzten Minuten ist das Licht im Zug immer schwächer geworden. Ich bin auch nicht mehr allein. Weiter vorne, mit dem Rücken zu mir, sitzt ein alter Mann mit weißgrauem Haar, mit seinem Einkaufstrolley neben sich.
Auf dem Bahnsteig erlischt die Beleuchtung, und nur die Plakatwand hebt sich noch als milchiges Nebelrechteck von dem Dunkel ringsum ab. Im Zug ist es rabenschwarz.
„Du musst jetzt aussteigen, Junge. Für dich geht’s hier nicht weiter.“
Durch das Schwarz versuche ich, mich dorthin zu tasten, wo die Tür sein muss. Ohne dass ich etwas sehen kann, weiß ich: Auch der alte Mann ist aufgestanden. Im Dunkel stehen wir uns gegenüber. Und ich kann das tun, was vor vier Jahren nicht möglich war: Ihn lange, lange in den Arm nehmen, bevor ich aussteige, und der Zug mit ihm in den Tunnel einfährt.
__________________________________
Gefällt mir Wird geladen …