Ich sitze am Schreibtisch in meinem Büro, es ist morgens Viertel nach Neun. Vor meinem Fenster der Hof einer deutschen Notunterkunft für Obdachlose, und irgendwie wandert meine Aufmerksamkeit zu den Pflanzen vor meinem Fenster, ihrem sanften Gegenlichtgrün. Wunderschön. So was bemerke und wertschätze ich viel zu selten.
Dann hole ich einen Ordner aus dem Schrank, und als ich mich wieder setze, steht einer unserer Bewohner vor dem Kübel, ein langjähriger Drogenkonsument mittleren Alters, halb mit dem Rücken zu mir. Wie immer hat er seinen abgewetzten Hut in die Stirn gezogen, und er hält einen Thermobecher mit dampfendem Kaffee in der Hand. Entspannt und gleichzeitig konzentriert, mit leicht geneigtem Kopf, schaut er auf die Lavendelblüten. Er steht ganz still, in völliger Selbstvergessenheit. Dann sehe ich die Hummel, die dort von Blüte zu Blüte fliegt, die er bei ihrer Arbeit beobachtet.
Irgendetwas an diesem Bild berührt mich so sehr, dass ich feuchte Augen kriege: Dieser ausgezehrte Hardcore-User, der Drogen vertickt, todkrank ist, tief versunken und gleichzeitig hellwach bei diesem archetypischen Naturgeschehen verweilend, man könnte sagen: mit ihm verschmelzend. In diesem Moment ist er alle Menschen, die jemals staunten und jemals staunen werden über das Wunder einer Hummel, die im Morgenlicht von Blüte zu Blüte brummt.
In dieser von Gewalt, Elend und Tod geprägten Umgebung einer Notunterkunft, die weißgott nicht reich ist an Stille und Frieden, war das ein besonderer Moment, quasi herausgehoben aus aller Zeit. Etwas, das immer so war und immer so sein wird, wenn Menschen vom Wunder des Lebens berührt werden. Etwas sehr Schönes.

💗💓💛♥️🧡
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