Lebensnahrung

Täglicher Schreibanreiz
Was ist die älteste Sache, die du besitzt und die du immer noch täglich benutzt?

Die älteste Sache, die ich besitze und immer noch täglich benutze, ist ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel. Ich „benutze“ ihn, insofern er mein täglicher Begleiter ist, versteckt im sichersten Fach meines jeweils aktuellen Portemonnaies. Er ist 43 Jahre alt, und er ist kein Glücksbringer und kein schützendes Amulett. Für mich ist er eine Brücke – eine Brücke im Taschenformat, die ich herausziehen, aufklappen und über die ich dann mit großen, eiligen Schritten gehen kann …

Seit meinen Kindergartentagen hatte meine Mutter mir Pausenbrote mitgegeben. Damals, in Berlin, sauste ich auf meinem Kinderfahrrad die Rankestraße runter, überquerte an der Fußgängerampel die Lietzenburger, und nach zweihundert Metern war ich angekommen, mit dem an einem dünnen Lederriemen umgehängten rehbraunen Minitornister, der vor meinem Bauch baumelte, und aus dem später sorgfältig eingewickelte Butterbrote, Apfelschnitze und manchmal auch ein Riegel Schokolade zum Vorschein kamen.

Später dann, in der Schule, wurde die an der rauen Innenseite fleckig gewordene Ledertasche durch eine „Brotbüchse“ (heute würde man sagen: Frühstücksdose) ersetzt. Die begleitete mich 13 Jahre bis zum Abitur – und tatsächlich noch weit darüber hinaus.

Auch in den Zeiten, in denen ich mir längst mein Frühstück zu Hause selber machte, bereitete meine Mutter das Pausenbrot für die Schule am Abend vor und legte es für den nächsten Morgen in den Kühlschrank. Das grundlegende Ensemble hat sich in all diesen Jahren nie verändert: Butterbrote, Obst, und gelegentlich was zum Naschen. Vor Prüfungen oder wenn ich Liebeskummer hatte, stieg der Leckerli-Anteil. Mütter kriegen alles mit.

Ein dreiviertel Jahr nach dem Abi zog ich zu Hause aus. Vom fränkischen Nordbayern ins Rheinland, in einer ultrakurzfristig angesetzten Nacht- und Nebelaktion, im wahrsten Sinn des Wortes, denn es war Mitte Februar, bitterkalt im Frankenwald, und als ich um 3.00h morgens in völliger Dunkelheit mit meinem bis in die letzte Ecke vollgestopften Interrent-Transporter über die verschneiten Landstraßen rutschte, hingen in den tief verschneiten Fichten dicke Nebelschwaden.

In den letzten Jahren war es immer schwieriger geworden zu Hause, vor allem mit meinem Vater und meinem Bruder, und heute weiß ich, dass es zum geringsten Teil an den anderen lag. So war diese winternächtliche Fahrt für mich der lang ersehnte Aufbruch in mein selbstbestimmtes Leben, in die Freiheit, in die Zukunft – raus aus dem Kuhdorf und endlich wieder in eine urbane Region, im Westen. Erst viele Jahre später, als ich schon selbst erwachsene Kinder hatte und an diesen Moment zurückdachte, sah, nein: fühlte ich wie in einem urplötzlich aufpoppenden Vexierbild, wie es – trotz all der Streitigkeiten der letzten Jahre – am nächsten Morgen denen gegangen sein musste, die von nun an mit einem leeren Platz am Tisch frühstücken würden – vor allem meiner Mutter: ihr „Großer“ war nun nicht mehr da, von einem Tag auf den anderen …

Als ich es bis nach Bamberg zur vom Schnee geräumten und eisfreien Bundesstraße geschafft hatte, gönnte ich mir eine erste Pause. Vor der Abfahrt hatte meine Mutter eine Thermoskanne und meine Brotbüchse auf den Beifahrersitz gelegt, die ich jetzt öffnete, den dampfenden Milchkaffe in einem Becher daneben. Ich sah eingewickelte Butterbrote, Apfelstücke, eine halbe Banane und eine Tafel Ritter Sport Joghurt – meine Lieblingssorte. Und an der Seite steckte ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel: