Am meisten freue ich mich darauf, dass es irgendwann vorbei sein wird, dieses Leben – in einer Stunde, ein paar Monaten, in zwanzig Jahren vielleicht, wer weiß das schon. Keine Zukunft mehr, keine Vergangenheit. Nichts.
Bis es so weit ist, versuche ich halbwegs ehrenhaft über die Runden zu kommen: Ein passabler Ehemann zu sein, meinen Job gut zu machen, möglichst niemandem zur Last zu fallen. Meine Wut im Zaum zu halten und meinen Frust bei mir. Ich spüre eine gewisse Verwandtschaft mit Fowler aus Graham Greenes „Der stille Amerikaner“:
„Mit den Menschen, wie sie nun mal waren, mochten sie kämpfen, mochten sie lieben, mochten sie morden: ich wollte nichts damit zu tun haben. Meine Kollegen von der Presse nannten sich Korrespondenten; ich zog die Bezeichnung Berichterstatter vor. Ich schrieb nieder, was ich sah. Ich unternahm nichts – selbst eine Meinung zu haben, ist schon eine Art von Tat.“
Es ist nicht so, dass ich auf sie warte, auf die Stunde X. Wäre es so, sollte ich besser gleich von der Brücke springen. Es ist so, wie es über meinem Facebook-Steckbrief steht, und wie ich es besser nicht fassen kann: Sich das alles ansehen. Gelegentlich lächeln. Weitermachen.“
Und während diese ebenso befremdliche wie obszöne Muppet Show um mich herum und mit mir mittendrin unerbittlich weitertobt, hangele ich mich unter einem gottlosen Himmel von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Hin und wieder ist da eine gute Tasse Darjeeling, oder der Hund leckt meine Hand, oder ich sitze am frühen Sonntagmorgen auf der Terrasse, wenn Regen fällt.
Das sind die Momente, die das Leben zwar nicht lebenswert, aber immerhin erträglich machen. Bis es so weit ist.
Die älteste Sache, die ich besitze und immer noch täglich benutze, ist ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel. Ich „benutze“ ihn, insofern er mein täglicher Begleiter ist, versteckt im sichersten Fach meines jeweils aktuellen Portemonnaies. Er ist 43 Jahre alt, und er ist kein Glücksbringer und kein schützendes Amulett. Für mich ist er eine Brücke – eine Brücke im Taschenformat, die ich herausziehen, aufklappen und über die ich dann mit großen, eiligen Schritten gehen kann …
Seit meinen Kindergartentagen hatte meine Mutter mir Pausenbrote mitgegeben. Damals, in Berlin, sauste ich auf meinem Kinderfahrrad die Rankestraße runter, überquerte an der Fußgängerampel die Lietzenburger, und nach zweihundert Metern war ich angekommen, mit dem an einem dünnen Lederriemen umgehängten rehbraunen Minitornister, der vor meinem Bauch baumelte, und aus dem später sorgfältig eingewickelte Butterbrote, Apfelschnitze und manchmal auch ein Riegel Schokolade zum Vorschein kamen.
Später dann, in der Schule, wurde die an der rauen Innenseite fleckig gewordene Ledertasche durch eine „Brotbüchse“ (heute würde man sagen: Frühstücksdose) ersetzt. Die begleitete mich 13 Jahre bis zum Abitur – und tatsächlich noch weit darüber hinaus.
Auch in den Zeiten, in denen ich mir längst mein Frühstück zu Hause selber machte, bereitete meine Mutter das Pausenbrot für die Schule am Abend vor und legte es für den nächsten Morgen in den Kühlschrank. Das grundlegende Ensemble hat sich in all diesen Jahren nie verändert: Butterbrote, Obst, und gelegentlich was zum Naschen. Vor Prüfungen oder wenn ich Liebeskummer hatte, stieg der Leckerli-Anteil. Mütter kriegen alles mit.
Ein dreiviertel Jahr nach dem Abi zog ich zu Hause aus. Vom fränkischen Nordbayern ins Rheinland, in einer ultrakurzfristig angesetzten Nacht- und Nebelaktion, im wahrsten Sinn des Wortes, denn es war Mitte Februar, bitterkalt im Frankenwald, und als ich um 3.00h morgens in völliger Dunkelheit mit meinem bis in die letzte Ecke vollgestopften Interrent-Transporter über die verschneiten Landstraßen rutschte, hingen in den tief verschneiten Fichten dicke Nebelschwaden.
In den letzten Jahren war es immer schwieriger geworden zu Hause, vor allem mit meinem Vater und meinem Bruder, und heute weiß ich, dass es zum geringsten Teil an den anderen lag. So war diese winternächtliche Fahrt für mich der lang ersehnte Aufbruch in mein selbstbestimmtes Leben, in die Freiheit, in die Zukunft – raus aus dem Kuhdorf und endlich wieder in eine urbane Region, im Westen. Erst viele Jahre später, als ich schon selbst erwachsene Kinder hatte und an diesen Moment zurückdachte, sah, nein: fühlte ich wie in einem urplötzlich aufpoppenden Vexierbild, wie es – trotz all der Streitigkeiten der letzten Jahre – am nächsten Morgen denen gegangen sein musste, die von nun an mit einem leeren Platz am Tisch frühstücken würden – vor allem meiner Mutter: ihr „Großer“ war nun nicht mehr da, von einem Tag auf den anderen …
Als ich es bis nach Bamberg zur vom Schnee geräumten und eisfreien Bundesstraße geschafft hatte, gönnte ich mir eine erste Pause. Vor der Abfahrt hatte meine Mutter eine Thermoskanne und meine Brotbüchse auf den Beifahrersitz gelegt, die ich jetzt öffnete, den dampfenden Milchkaffe in einem Becher daneben. Ich sah eingewickelte Butterbrote, Apfelstücke, eine halbe Banane und eine Tafel Ritter Sport Joghurt – meine Lieblingssorte. Und an der Seite steckte ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel:
Welche Dinge „man“ benötigt, weiß ich nicht. Welche „Dinge“ ich benötige, habe ich in dem nun schon etliche Dekaden laufenden Pilotprojekt „Das Leben des Michael H.“ sukzessive einzugrenzen versucht. Die übliche Trial&Error-Strategie halt, mit reichlich Auf-die-Fresse-Fallen, modrigen Sackgassen, falschen Fährten und seltenen Lottogewinnen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben bei LOTTO 6 aus 49 einen Gewinn über 9,20 € erzielt.“ Juchhu.
Die Crux einer ersten Antwort auf die themagebende Frage besteht schon darin, dass meine Frau selbstredend kein Ding ist, sondern ein Mensch. Mit übernatürlichen Fähigkeiten. Anders ist nicht zu erklären, wie sie es mit mir aushält. Ohne sie wäre ich noch egozentrischer, noch depressiver, noch übellauniger. Kotzbrocken im Quadrat, ach was: Kubik. Mit anderen Worten: Sie wird benötigt, damit andere ein gutes oder zumindest besseres Leben führen können, indem sie meine toxische Einwirkung auf meine Umwelt auf ein homöopathisch erträgliches Maß runterskaliert. Welche es mir mit wohldosierter Anerkennung und gelegentlichen Sympathiebekundungen dankt. So haben also alle gewonnen; „man“, gewissermaßen. Die Dinge sind verzahnt.
Weiterhin werden benötigt: Genügend Schlaf und Bewegung, ein überdurchschnittlich hoher Stille-Anteil im Alltag, und reichlich gutes Essen. Wobei gutes Essen nicht gleich gesundem Essen ist. Zumindest habe ich in der Apotheken-Rundschau noch nie gelesen, dass Fränkischem Schäufele mit Rotkohl, Klößen und Biersauce spezielle Heilwirkungen zugeschrieben werden. Was uns zu einem der im Leben durchaus häufiger auftretenden Paradoxa führt: Ungesundes Essen kann heilsam sein. Echt jetzt? Yo. Hab ich getestet.
Wenden wir uns den Soft Skills zu. Das ist einfach, weil ich hier bequem auf Niebuhrs Gelassenheitsgebet zurückgreifen kann: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. – Für das durchschnittliche Haifischbecken unserer Berufsleben stellt dieser Dreiklang das ultimative Navi dar, wenn man nicht mit 40 als Kriegsversehrter die weiße Fahne schwenken will – go and get it! (Warum hier das metaphysische Konstrukt Gott bemüht werden muss, erschließt sich mir nicht wirklich, aber wer lieber was geschenkt bekommt, statt sich selbst drum zu bemühen, mag damit glücklich sein. Und Niebuhr war halt nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern überdies US-Amerikaner, der Arme. Da gehört nun mal in jeden Werbespot ein Bibelvers, wenn man (sich) gut verkaufen will …)
Last but not least ein Anti-Ding: Geselligkeit. Die benötige ich nun weiß Gott nicht. Es ist doch so schon alles schlimm genug. Lol.
Dieter war der beste Freund, den ich je hatte. Genau genommen, war er der einzige. Er starb vor 43 Jahren bei einem Verkehrsunfall, als sein VW Käfer auf der vereisten Landstraße unter einen LKW rutschte.
Obwohl wir viele Jahre dieselbe Schule besucht hatten, lernten wir uns erst ein paar Monate vor dem Abi richtig kennen. Ohne ein Streber zu sein, war er der beste unseres Jahrgangs, er schloss mit 1,0 ab, ohne dass er viel hätte büffeln müssen. Er war still, bescheiden, hielt sich im Hintergrund, und war damit – ihr ahnt es – so ziemlich genau das Gegenteil von dem, der ich damals zu sein vorgab.
Wir unternahmen tagelange Wanderungen durch den Frankenwald, auf denen er mich in die Welt der Philosophie einführte, während ich seine Fragen zum Umgang mit dem für ihn äußerst rätselhaften anderen Geschlecht zu beantworten versuchte.
Aus zwei völlig verschiedenen Richtungen kommend, näherten wir uns mit Lichtgeschwindigkeit dem Punkt, der zum Zentrum unseres Denkens, unseres Lebensgefühls werden sollte (und es für mich bis heute geblieben ist): Die Empfindung einer völligen Leere und Sinnlosigkeit unseres Daseins, und die daraus sich ableitende Vorstellung, dass dieses Leben eine Strafe und Last ist, derer man sich idealiter so schnell wie möglich entledigten sollte.
Ich hatte nie den leisesten Zweifel daran, dass sein Unfall ein Unfall war und kein Selbstmord. Aber ich glaube auch, dass Dieter – im Gegensatz zu mir – so „fertig“ war mit dem Leben, dass aus welchen Gründen auch immer etwas geschah, das ihn davon befreite.
Ich säße heute Abend gerne für ein paar Stunden mit ihm auf unserem Felsen hoch über dem Höllental (heißt wirklich so), wo ganz in der Nähe ein hölzerner Hirsch seit langer Zeit zum Sprung in den Abgrund ansetzt, und vielleicht würde er mich mit dem ihm eigenen leisen Lächeln um die Mundwinkel fragen, wie es kommt, dass ich immer noch am Leben bin.
Wahrscheinlicher ist, dass wir einfach wie damals schweigend unser Guinness trinken würden, während langsam die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, bis es schließlich dunkel geworden ist. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
Man trifft nicht oft jemanden, mit dem diese Art Unterhaltung möglich ist.