Regen habe ich immer geliebt. Sobald die Tropfen fielen, war der Wald mit tausenden Stimmen bevölkert, die Schatten verloren ihre Schärfe und zudringliche Gedanken auch.
Selbst in der Stadt gab es diesen Zauber: das Wasser band den Staub, es roch auf einmal sauber und frisch. Autos zogen dann auf dem regennassen Asphalt ein aufgebrachtes Zischen hinter sich her, als wollten sie ihrem Unmut Luft machen, ungefragt zu Amphibienfahrzeugen mutiert zu sein.
Keine Frage: Ich mochte die Art, wie der Regen sich die Welt aneignete und ihr seinen feuchten Mantel um die Schultern legte.
Am Tag vor der Flutkatstrophe postete ich in meinem Whatsapp-Status ein Regen-Video: Da waren für zehn Sekunden Tropfen zu sehen, die in die Pfützen vor unserer Terrasse platschten, während ich unter der Pergola gechilled meinen Morgenkaffee schlürfte. Extrem unspektakulär. Darunter ein dickes Smiley.
Zwei Tage später hatte dieser Regen die Welt verändert: Halbe Dörfer waren weggerissen worden, und mit ihnen hunderte Menschen, Tiere, Existenzen. Das Wort „Regen“ hatte plötzlich einen spektakulären, hochdramatischen, bedrohlichen Klang. Aus dem Mantel war ein Leichentuch geworden.
Während ich das schreibe, regnet es. Gleichmäßig, sanft, mit diesem leichten, hellen Plitschplatsch.
Ich liebe den Regen immer noch. Er kann nichts dafür, wenn wir täglich Hunderte Fußballfelder an Böden versiegeln; wenn wir Überschwemmungsgebiete als Bauland ausweisen; wenn wir Flüsse so begradigen, dass sie auf Google Maps nicht mehr von den Gitternetzlinien der Landkarte zu unterscheiden sind.
Wenn ich handwerklich was drauf hätte, würde ich wohl langsam damit anfangen, eine Arche zu bauen.
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