Learning to fly


Arbeitstag 3 nach dem Fuerteventura-Urlaub. Der nächste ist 207 Tage entfernt.

Die Challenge: auch hier im Lebens- und Arbeitsalltag Wege zu finden, um Licht, Weite, Stille, Leichtigkeit spüren und tanken zu können.

Coming down is the hardest thing.

Dort helfen mir das Meer, die Wärme, der strahlend blaue Himmel, eine kaum von Erinnerungen belastete fremde Umgebung, und natürlich das Befreitsein von den täglichen Pflichten der Lebensroutine: Rasenmähen, Auto in die Werkstatt, einkaufen, Arzttermine – und vom Job mit seiner oft von Tristesse, Gewalt, Krankheit, Elend und Tod geprägten Atmosphäre.

Was hilft mir hier???

Die Erinnerung daran, „wie es auch sein kann“: das Leben, jeder Tag, ich.

Das ist die Messlatte. Sie hängt hoch. Ich habe 207 Versuche.

But I ain’t got wings, singt Tom Petty.

Lassen wir uns halt welche wachsen.

Rainman


Regen habe ich immer geliebt. Sobald die Tropfen fielen, war der Wald mit tausenden Stimmen bevölkert, die Schatten verloren ihre Schärfe und zudringliche Gedanken auch.

Selbst in der Stadt gab es diesen Zauber: das Wasser band den Staub, es roch auf einmal sauber und frisch. Autos zogen dann auf dem regennassen Asphalt ein aufgebrachtes Zischen hinter sich her, als wollten sie ihrem Unmut Luft machen, ungefragt zu Amphibienfahrzeugen mutiert zu sein.

Keine Frage: Ich mochte die Art, wie der Regen sich die Welt aneignete und ihr seinen feuchten Mantel um die Schultern legte.

Am Tag vor der Flutkatstrophe postete ich in meinem Whatsapp-Status ein Regen-Video: Da waren für zehn Sekunden Tropfen zu sehen, die in die Pfützen vor unserer Terrasse platschten, während ich unter der Pergola gechilled meinen Morgenkaffee schlürfte. Extrem unspektakulär. Darunter ein dickes Smiley.

Zwei Tage später hatte dieser Regen die Welt verändert: Halbe Dörfer waren weggerissen worden, und mit ihnen hunderte Menschen, Tiere, Existenzen. Das Wort „Regen“ hatte plötzlich einen spektakulären, hochdramatischen, bedrohlichen Klang. Aus dem Mantel war ein Leichentuch geworden.

Während ich das schreibe, regnet es. Gleichmäßig, sanft, mit diesem leichten, hellen Plitschplatsch.

Ich liebe den Regen immer noch. Er kann nichts dafür, wenn wir täglich Hunderte Fußballfelder an Böden versiegeln; wenn wir Überschwemmungsgebiete als Bauland ausweisen; wenn wir Flüsse so begradigen, dass sie auf Google Maps nicht mehr von den Gitternetzlinien der Landkarte zu unterscheiden sind.

Wenn ich handwerklich was drauf hätte, würde ich wohl langsam damit anfangen, eine Arche zu bauen.

Alles gut


6.00h morgens Mitte Oktober, im Westen Deutschlands. 5°C, dunkel, Nieselregen. Ich setze den Blinker und ordne mich ein in die Spur zur Autobahn. In zwanzig Minuten werde ich in meinem Büro das Licht einschalten, den PC hochfahren, Kaffeewasser ansetzen. Der Urlaub ist endgültig vorbei, Fuerteventura, my love, 3.000 km weit entfernt.

Steine und Sand, ein paar dürre Sträucher, Kakteen. Ziegen dazwischen. Einen Steinwurf weiter rauscht das Meer. Über allem der unendliche blaue Himmel.

Die erste Schattengestalt torkelt vor meinem Fenster über den Hof, auf dem Weg zum Kiosk, für den Frühstückswodka. Einige unserer Hardcore-Alkis haben den Löffel abgegeben in den letzten Monaten – irgendwann, nach Monaten eines sich immer mehr beschleunigenden Verfalls, kapituliert selbst der robusteste Körper. Wir hängen dann ein Foto in den Schaukasten neben dem Eingang. Das war’s. Wieder ein Leben vorbei.

Der Kaffee ist heiß, das Brötchen knusprig. Eine Kollegin schaut um die Ecke, fragt, wie der Urlaub war. Das tut gut. Langsam, langsam komme ich an …

Ich lege mein Handtuch auf den Sand, ziehe T-Shirt, Shorts und Sandalen aus, und lege den kleinen Rucksack in die Vertiefung zwischen den Felsen. Die Brandung ist lebhaft, und man muss aufpassen, dass man zwischen den glitschigen Steinen nicht umknickt. Dann ist das Wasser so tief, dass ich schwimmen kann. Ich atme tief durch, schwimme mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen. Bei der ersten Welle tauche ich ein, Salzwasser spritzt mir ins Gesicht, in den Tropfen an meinen Wimpern funkelt die Sonne, und alles ist gut.

Nirgends im All

Auch wenn es Selbsttäuschung ist – jeder kennt Momente, in denen man dankbar ist, wenn einem jemand ins Ohr säuselt: „So ist es und so wird es immer bleiben – versprochen!“ Keine bösen Überraschungen mehr, keine anstrengenden Veränderungen, kein Stress. Zeit, Bewegung, Risiko sind hier keine Faktoren mehr, mit denen zu rechnen wäre; Statik schlägt Dynamik.


Natürlich wissen wir, dass das gelogen ist: Life is movement, vom Tanz der Moleküle bis zu dem der Sterne und Galaxien. Und ob wir wollen oder nicht: wir wirbeln mit.


Vielleicht ist, so paradox es klingen mag, diese anfallsweise Sehnsucht nach Bewegungslosigkeit, also: nach dem Tod, der einzige Motor, der stark genug ist, uns bis in die Region zu tragen, wo unser Sehnen sich final erfüllt: „Ruhe ist nirgends im All, außer im lichten Bewusstsein des Menschen.“ (Botho Strauß)