Es ist November, und da sind all diese Probleme, die Millionen andere auch haben: Das Alter, der Job, die verdammte Hecke, die uns über den Kopf wächst, und der Hund hat Krebs. Das heißt: Vielleicht auch nicht. Eigentlich müsste er längst tot sein, aber er ist quietschfidel und freut sich seines Hundelebens (gottseidank!). Die Tierklinik sagt: Wir sind mit unserem Latein am Ende, keine Ahnung, was das ist. Und das Ding an seinem rechten Hinterlauf wächst und wächst. Langsam, aber stetig.
Seit vier Monaten trinke ich keinen Alkohol mehr. Nullkommanull. Nicht, dass ich früher gesoffen hätte. Zwei- bis dreimal die Woche ein oder zwei Bier am Abend. Selten eine Flasche Rotwein. Dann wieder zwei Wochen gar nichts. Damit bin ich noch kein Alkoholiker, wage ich zu behaupten. Aber es scheint, dass selbst kleinste Mengen dieser Substanz mich mutieren lassen. Ich bin dann 24/7 mürrisch, reizbar, angespannt. Also läuft jetzt der Null-Toleranz-Selbstversuch. Bisher erfolgreich, was die Wirkung auf meine unmittelbare Umgebung betrifft. Aber der Weichzeichner fehlt, der den Blick auf das Leben erträglich macht. Das ist nicht lustig.
Tja, und dann habe ich noch das Zocken eingestellt. Kein Milsim-Shooter mehr, keine Heli-Tiefflüge über virtuelle Landschaften, keine Sniperattacken auf feindliche Granatwerferstellungen. Nicht aus irgendwelchen salutogenetischen Erwägungen heraus. Einfach so. Kein‘ Bock mehr.
Es wird also eng. Leben ohne Ablenkung und Betäubung => Vollkatastrophe.
Und natürlich sind das alles Luxusprobleme. In der Ukraine würden sie sich totlachen. Aber es hilft nichts: In mir ist das andere Kursk, und die Frontlinie in meinem Hirn verläuft messerscharf zwischen linker und rechter Hemisphäre.
Deswegen sitze ich jetzt hier. In diesem Bäckerei-Schnellcafé neben dem Einkaufszentrum an einem Samstagmorgen im November. Bei einem Kaffee und einem Croissant, und ich schreibe: Da sind gedämpfte Stimmen, und Papiertüten knistern, es riecht nach frischen Brötchen, ein Kind kräht. Und draußen im Nassgrau suchen sie auf dem Parkplatz verzweifelt nach einer Lücke, so wie ich nach einer Lücke suche im Dauerbeschuss der Dunkelweltnarrative. – Sinneseindrücke plus Sprachzentrum hält böse Geister fern, hab‘ ich gelernt. Also hau in die Tasten, Junge …
Das Schwarze da drinnen im Zaum halten. Einfach nur überleben.
Einfach nur überleben. Das ist gut, lol.
Ihr habt ja keine Ahnung.

There is a crack n everything, thats where the light comes in… Leonard Cohen, ich weiß, die, wohl meist zitierte Liedzeile, bei mir hilft kluges Zeug lesen
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There is a crack n everything, thats where the light comes in… Leonard Cohen, ich weiß, die, wohl meist zitierte Liedzeile, bei mir hilft kluges Zeug lesen
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Das ist schön, dass Sie ein paar Zeilen schreiben – vielen Dank dafür, vor allem für das Cohen-Zitat 🙂
Manchmal scheinen sich alle Cracks geschlossen zu haben, oder ganz verschwunden zu sein. Dann geht’s wie in dem Dylan-Song: Behind every beautiful thing there’s been some kind of pain. -> https://open.spotify.com/intl-de/track/1qbn6QrHG8XfnqVFKgNzKP?si=79f19f80f9d74e18
Ich wünsche einen schönen Abend!
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Dylan, immer wieder schön, Danke fürs erinnern. Zumindest fürs schreiben aber ist so eine veritable Gemütsdüsternis viel besser als sinnlose Heiterkeit… dennoch ebenso einen schönen Abend!
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