Guinness & Wittgenstein

Täglicher Schreibanreiz
Mit wem würdest du dich gerne in nächster Zeit unterhalten?

Ich würde mich gerne mit Dieter unterhalten.

Dieter war der beste Freund, den ich je hatte. Genau genommen, war er der einzige. Er starb vor 43 Jahren bei einem Verkehrsunfall, als sein VW Käfer auf der vereisten Landstraße unter einen LKW rutschte.

Obwohl wir viele Jahre dieselbe Schule besucht hatten, lernten wir uns erst ein paar Monate vor dem Abi richtig kennen. Ohne ein Streber zu sein, war er der beste unseres Jahrgangs, er schloss mit 1,0 ab, ohne dass er viel hätte büffeln müssen. Er war still, bescheiden, hielt sich im Hintergrund, und war damit – ihr ahnt es – so ziemlich genau das Gegenteil von dem, der ich damals zu sein vorgab.

Wir unternahmen tagelange Wanderungen durch den Frankenwald, auf denen er mich in die Welt der Philosophie einführte, während ich seine Fragen zum Umgang mit dem für ihn äußerst rätselhaften anderen Geschlecht zu beantworten versuchte.

Aus zwei völlig verschiedenen Richtungen kommend, näherten wir uns mit Lichtgeschwindigkeit dem Punkt, der zum Zentrum unseres Denkens, unseres Lebensgefühls werden sollte (und es für mich bis heute geblieben ist): Die Empfindung einer völligen Leere und Sinnlosigkeit unseres Daseins, und die daraus sich ableitende Vorstellung, dass dieses Leben eine Strafe und Last ist, derer man sich idealiter so schnell wie möglich entledigten sollte.

Ich hatte nie den leisesten Zweifel daran, dass sein Unfall ein Unfall war und kein Selbstmord. Aber ich glaube auch, dass Dieter – im Gegensatz zu mir – so „fertig“ war mit dem Leben, dass aus welchen Gründen auch immer etwas geschah, das ihn davon befreite.

Ich säße heute Abend gerne für ein paar Stunden mit ihm auf unserem Felsen hoch über dem Höllental (heißt wirklich so), wo ganz in der Nähe ein hölzerner Hirsch seit langer Zeit zum Sprung in den Abgrund ansetzt, und vielleicht würde er mich mit dem ihm eigenen leisen Lächeln um die Mundwinkel fragen, wie es kommt, dass ich immer noch am Leben bin.

Wahrscheinlicher ist, dass wir einfach wie damals schweigend unser Guinness trinken würden, während langsam die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, bis es schließlich dunkel geworden ist. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Man trifft nicht oft jemanden, mit dem diese Art Unterhaltung möglich ist.

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Michael Heidekorn

Sich das alles ansehen. Gelegentlich lächeln. Weitermachen.

2 Kommentare zu „Guinness & Wittgenstein“

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