Zwei Wochen nach der Rückkehr aus dem Urlaub habe ich – unter anderem – mein SPIEGEL online Abo gekündigt. Kurz darauf bekam ich vom Leserservice die übliche Mail, mit der um ein Feedback gebeten wurde. Ob man etwas anders machen solle usw.
Nun bin ich zwar überzeugt, dass die Vorstellung, irgendetwas verbessern zu können, indem man irgendetwas anders macht, ein recht sentimentaler Romantizismus ist, aber ich hatte noch ein paar Minuten Mittagspause übrig und nichts Süßes mehr in der Schublade. Da konnte ich mir die Zeit auch mit etwas Tastaturgymnastik vertreiben …
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben mir nach der Kündigung meines SPIEGEL.PLUS-Abonnements geschrieben:
„Lassen Sie uns wissen, was wir anders machen sollen: Wir freuen uns auf Ihr Feedback an redaktion.plus@spiegel.de.“
Dann also los:
Sie haben alles richtig gemacht. Ihre Beiträge im Magazin und auf SPIEGEL ONLINE stellen für mich hochwertigen Qualitätsjournalismus dar. Für Ihrer aller Arbeit, die in diesen Artikeln steckt, möchte ich an dieser Stelle Danke sagen!
Meine Kündigung ist auf eine für mich beeindruckende, wenn auch eigentlich wenig überraschende Erfahrung der letzten Wochen zurückzuführen: Während eines zweiwöchigen Urlaubs auf unserer Lieblingsinsel Fuerteventura habe ich keinerlei Nachrichten mehr gelesen oder angeschaut, mich von allen Social Media Plattformen ferngehalten, keine Computerspiele mehr gespielt. Das ist jetzt knapp vier Wochen her. Ich bin wieder im Job, aber alles andere habe ich beibehalten. Es geht mir damit so gut wie schon seit Jahren nicht mehr, auch wenn ich mich manchmal mit hochgezogenen Augenbrauen konfrontiert sehe, wenn Kolleg*innen ein aktuelles Thema ansprechen und ich die Schultern zucke und sage: „Keine Ahnung.“
Man kann das als Vogel-Strauß-Politik oder Ignoranz bezeichnen. Aber das träfe es m.E. nicht. Ich will mir die Welt und das Leben nicht weichzeichnen. (Das wäre als Chef einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe mit 100 Hardcore-Fällen auch ein zum sofortigen Scheitern verurteiltes Unterfangen …) Ich bin seit meinen jungen Jahren (ich bin jetzt 63) davon überzeugt, dass der Mensch eine Bestie ist, deren größtes Vergnügen darin besteht, seinesgleichen zu überfallen, zu foltern, zu vergewaltigen und umzubringen. Für diese banale Erkenntnis braucht es nur einen Blick in den dtv-Atlas der Weltgeschichte. Und diese Erkenntnis wurde und wird täglich durch mehr oder weniger großflächige kriegerische Auseinandersetzungen bestätigt, die ununterbrochen auf diesem Planeten toben – vom erbitterten Kampf, den Wohnungs- oder Hausnachbarn gegeneinander führen, bis hin zum Ukrainekrieg, der (zumindest verbal) immer wieder bedrohlich nah an der Grenze zur atomaren Auseinandersetzung geführt wird.
Mit anderen Worten: Die Menschheit (das tut mir nicht Leid) und dieser Planet (das schmerzt mich) sind zum Untergang verurteilt, da ist nichts mehr und war nie etwas zu machen. Just an epic fail. Aber ich muss das – und damit zurück zum Anlass dieser Mail – nicht unbedingt täglich tiefeninhalieren. Und wenn Sie jetzt argwöhnen, dass das doch vielleicht etwas langweilig sein könnte, kann ich sagen: Nein – es bleibt noch genug Wahnsinn übrig …
In diesem Sinne grüßt Sie ganz herzlich
M.H.
